Biografisches Valentin Latschen

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Die Geister in der Flasche

Gute Geister holten Schnäpse, Brände und Grappas aus dem Schmuddeleck hervor. Die besten Edelbrenner im Alpe-Adria-Raum: Sie brennen für ihre Leidenschaft.

Text: Werner Ringhofer

Der Kärntner ­Valentin Latschen zählt mit seinen Pfau-Bränden zur Elite in Österreich.

Einer der Ursprünge der österreichischen Schnapskultur führt erstaunlicherweise in das Kärntner Jauntal, dort, wo Valentin Latschen aufwuchs. Die Gegend ist vor allem für Basejumper bekannt, die ihre Mitte mit Sprüngen von der Jauntalbrücke suchen. Auch Kohl und Kukuruz kommen von hier, das war es auch schon. Glaubt man. Der wahre Reichtum besteht in den Apfel- und Birnbäumen, die naturbelassene Schätze auf ihren Ästen präsentieren. Kein mustergültiges Designerobst wie im Supermarkt, aber wunderschön: lampionrot, grashüpfergrün und sonnengelb. Oft mit Flecken und Depschern, aber besonders intensiv, mit Ecken und Kanten, mit Charakter. Diese Aromakraftwerke waren es, die Valentin Latschen in seinem Heimattal dazu verführten, seine Pfau-Schnäpse zu brennen. Schnapskultur war in Österreich Anfang der 80er allerdings ein unbekanntes Wesen. In Vorarlberg oder Tirol, da gab es Qualitätsdestillate aus kleinen Brennereien. Schnapstrinken zählte zu den Ritualen der echten Mannsbilder genauso wie schneidiges Skifahren und das Aufmarschieren der Schützen. Valentin Latschen wollte dagegenhalten und fragte sich, wie er aus dem prächtigen Obst seiner Umgebung mehr machen könnte, als es zu Bonsaipreisen an anonyme Großhändler zu verscherbeln – und sein Risiko machte sich bezahlt.

Schnaps, Grappa, Whisky, Zigarrenbrand – die Aufsteigerstory schlechthin haben edle Destillate hingelegt. Im Fahrwasser des Weinskandals hätte das Image nicht schlechter sein können, durch die brennende Liebe für den hochgeistigen Stoff von Idealisten wie Valentin Latschen und vielen anderen im Alpe-Adria-Raum kam der Aufschwung.

Einer dieser Freaks, die sich schon früh dem Schnaps verschrieben, war Alois Gölles. Schnaps war natürlich nicht das erste Wort, das er aussprechen konnte, Sinn und Sinnlichkeit der Naturschätze wurden ihm aber früh in die Wiege gelegt. Alois Gölles wuchs inmitten von Obstgärten auf. 8.000 Hektar, die Hälfte der österreichischen Obstanbaufläche, befinden sich im Umkreis seines Heims, und seit vier Generationen bewirtschaftet die Familie Obstgärten rund um die Riegersburg. Saftige Chancen sah Alois Gölles aber nicht im Verkauf von Obst. Etwas Edles musste her. Die weiße Landkarte für feine Brände musste in Österreich bunter werden, da lag das größte Potenzial. „Qualität kann man am besten beeinflussen, wenn man die Früchte selbst anpflanzt“, ist ihm klar, „wir züchten Kriecherln, Hauszwetschken, Saubirnen, Maschansker und Williamsbirnen“. Alles bio. Modelansprüche erfüllt das fleckige Obst zwar nicht immer, aber wie Valentin Latschen denkt auch Alois Gölles: „Nur auf den Geschmack kommt es an.“ Alte Sorten bieten im Gegensatz zu Golden Delicious und Kollegen ein vielschichtiges Geschmackserlebnis, das zwischen geradlinig, kräftig, kernig, süß, säuerlich und herb hin- und herpendelt – das entspricht der steirischen Wesensart.

Gerald Hochstrasser eroberte vom weststeirischen Mooskirchen aus Österreich und Deutschland mit Produkten, die beim Publikum und internationalen Verkostungen bestens ankommen. Seit 1930 beschäftigt sich die Familie mit der Spiritualität der Früchte. Die Schnäpse waren die Geschäftsbasis, Gerald Hochstrasser erweiterte das Angebot um seine Flaggschiffe: die fassgelagerten Brände. Neu im Portfolio ist die Erlebniswelt. Gäste lernen die Designer-Destillerie in Führungen jetzt von innen kennen. Im Shop kann man die verkosteten Köstlichkeiten dann kaufen. Eine hochgeistige Idee.

Was wird nicht alles in den Brennkessel gegeben: Kartoffeln, Mango, Mandarinen, Karotten, Kürbis. Bei aller Kreativität, nach der Verkostung kommt man meistens drauf: die Traditionellen sind die guten. Wie der Grappa zum Beispiel. In Venetien und Friaul hatte man zuerst die Idee, aus ausgepressten Trauben und Kernen einen Schnaps zu destillieren. Einer der Betriebe mit dem längsten Grappa-Atem ist die Destillerie Nonino in Percoto bei Udine, wohl eine der besten Brennereien in Italien. Ein Familienbetrieb, der seit 1897 bis heute in Handarbeit in kupfernen Brennkesseln den bemerkenswerten Nonino-Grappa produziert. Die Noninos waren 1967 die Ersten mit einem Jahrgangsgrappa, bald darauf destillierten sie auch den legendären Picolit: der erste rebsortenreine Grappa, der auch gleich ein Welterfolg wurde.

Natürlich, solche Ferraris unter den Bränden sind nicht ganz billig. „Aber was sind wir uns heute wert?“, fragt Valentin Latschen. Viele essen nur, um zu essen und trinken, weil sie Durst haben. „Traurig, so wird der Gaumen durch Massenprodukte schon als Baby verunbildet. Zumindest einen Teil der Leute will ich dazu bringen, etwas öfter zu mehr Qualität zu greifen. Das wäre schon ein Fortschritt, ein riesiger sogar.“